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St. Martin in Brasilien

Ganz sicher ist Brasilien eines der größten katholischen Länder Südamerikas, aber von einem St. Martins-Umzug hat man hier noch nichts gehört. Halloween, okay, das gibt es. Der Weihnachtsbaum wird schon am 1. Dezember geschmückt und verschwindet kurz nach Silvester, spätestens Heilige Drei Könige. St. Nikolaus verblasst vor dem Weihnachtsmann, St. Barbara findet hier wohl aus Mangel von Kirschzweigen nicht statt. Aber was tut man nicht alles für sein Kind, vor allem, wenn man als Deutscher in Brasilien lebt und sich seiner Kindheit erinnert, dem Laternenbasteln, dem Aushöhlen von Runkelrüben, den selbst gebastelten Adventsgestecken und den herrlichen Düften, die in der Adventszeit aus der mütterlichen Küche kamen. „Jan, kannst Du mir einen Gefallen tun?“ Dazu muss ich erklären, dass Jan ein deutscher Gourmet-Koch ist, der es sich mit seiner lieben, französischen Frau hat gefallen lassen, hier in Brasilien auf der kleinen Halbinsel Búzios eine Bäckerei aufzumachen. „Wo liegt der Hase im Pfeffer?“„Ich möchte Nikolas (mein Söhnchen von 6 Jahren) zu St. Martin einen Weckmann schenken.“ „Weckmann? Nie gehört!“ Jan als Dortmunder hatte in München bei Feinkost Käfer seine Kochlehre gemacht. In Bayern kennen sie keine rheinischen Weckmänner. Also schickte ich ihm ein Foto. „Ach, Du meinst „Stutenkerle“. Klar kann ich machen. Gar kein Problem. Halbe Stunde später klingelt WhatsApp. „Peter, ehm, ein Problem. Wo soll ich die Tonpfeifen hernehmen?“ „Gute Frage, ich kümmere mich darum.“ Also in Brasilien gab es keine Tonpfeifen, also‚ cachimbos de barra‘, nicht mal im Süden, wo haufenweise Deutsche seit Anfang des 19. Jahrhunderts angesiedelt sind. In Köln nahm ich übers Internet Kontakt mit diversen Bäckereien auf, um zu erfahren, ob sie mir ein paar Tonpfeifen schicken können. „Wir haben selbst nie genug, das tut uns leid.“ Die Ausreden oder Absagen waren frustrierend. „Wenn wir die verschicken, die gehen bestimmt kaputt. Nein, nein, das macht keinen Sinn.“ Nächste Überlegung: Irgendjemand musste doch für die vielen rheinischen Bäckereien die Tonpfeifen herstellen. Also recherchierte ich im Internet, wo diese kleinen weißen Pfeifen hergestellt werden. „Tonpfeifen? Jetzt, wo immer weniger Menschen rauchen?“ „Wasserpfeifen sind doch jetzt der Trend!“
„Unsere Mütter wollen alle Weckmänner ohne Pfeife.“ „Seit wir E-Zigaretten auf dem Markt haben, läuft in Sachen Pfeifen gar nichts mehr.“ Endlich jedoch kam Licht in meine Tonpfeifen-Angelegenheit. Im Kannebäckerland wurde ich schließlich doch noch fündig. Da gab es noch einen Tonpfeifen-Bäcker und die Manufaktur war noch aktiv. Es gab sogar eine Website mit einer großen Auswahl an Tonpfeifen. Auf der Kontaktseite schilderte ich dem Eigentümer mein Problem. Mittlerweile war es der 2. November. St. Marin war also nicht mehr so weit. Jens Steuler, so hieß der gute Mann, schrieb mir noch am gleichen Tag zurück, dass er sich über die Idee sehr gefreut hätte und gerne ein kleines Pfeifensortiment nach Brasilien schicken würde. Kostenlos, nur um meinem kleinen Nikolas eine Freude zu machen! Solche Menschen gibt es auch noch. Zwei Tage später war sein Päckchen auf der Post und das große Warten und Daumendrücken begann. Eine geschlagene Woche blieb das Päckchen irgendwo bei der Post liegen und wartete auf seinen Flieger. Dann gelangte es in die Krallen des brasilianischen Zolls. Nach gründlichem Durchleuchten erhob man nur eine kleine Bearbeitungsgebühr und das Päckchen wurde der brasilianischen Post übergeben. Zehn Tage nach St. Martin kam es nun bei mir an. „Jan, die Tonpfeifen sind da. Bringe ich morgen gleich in der Bäckerei vorbei.“ „Sagenhaft! Dann mache ich mich gleich ans Backwerk.“ „Das Beste kommt noch! Der Tonpfeifen-Bäcker Jens Steuler wird uns auf Búzios zu Karneval besuchen, da wirst Du ihn persönlich kennenlernen.“ „Ach, das ist ja ein Ding. Da freue ich mich.“

Dr. Peter Echevers H.